Dora Bruder – Patrick Modiano

Vorsichtig, ja fast schleichend, macht sich Modiano auf die Suche nach Dora Bruder, einem jüdischen Mädchen in Paris zur Zeit von Okkupation durch die Nationalsozialisten. Verloren zwischen den Straßen der Stadt, begibt sich der Meister der nebligen Gestalten und großen Gefühle auf die Spuren eines eigentlich gewöhnlichen Mädchens.

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Der Aufruf in einer Zeitung, Dora Bruder werde vermisst, machte Modiano auf das Mädchen aufmerksam. Er begann zu recherchieren und versuchte in jahrelanger Arbeit die Spuren des Mädchens zu rekonstruieren. Je weiter sich der Autor in den Archiven, Polizeipräfekturen und Antiquariaten vorarbeitet, desto mysteriöser erscheint ihm Doras Geschichte.

Wie konnte es sein, dass ein jüdisches Mädchen, Tochter von Einwanderern, ein katholisches Mädchenpensionat besuchte? Warum war sie aus diesem Pensionat geflohen und was machte sie zur Zeit der Okkupation? Wer hat ihr geholfen, und Unterschlupf während den Sperrstunden geboten?

Je weiter man sich in Modianos Roman vorarbeitet, desto mehr wird einem bewusst, dass viele dieser Fragen unbeantwortet bleiben würden. Doch es sind auch nicht Antworten, nach denen man während dem Lesen sucht. Eigentlich habe ich die ganze Zeit gehofft, Modiano würde der Geschichte eine Wendung geben. Man fiebert zusammen mit ihm, dass er doch noch einen Hinweis über Dora Bruder finden würde, der das unweigerliche Ende des Buches doch noch umschreibt.

Doch nichts von all dem geschieht. Dora wird 1942 festgenommen und nach Drancy deportiert. Einer Zwischenstation auf dem Weg nach Ausschwitz. In Drancy verliert sich die Spur von Dora Bruder. Einem Mädchen, das stellvertretend für alle steht, die damals fortgeschafft wurden. Für alle, die das Grauen jener Zeit ertragen mussten. Eine schweigende Masse, der Modiano versucht ein Gesicht und einen Charakter zu verleihen.

Durch die Unschärfe mit der Modiano Dora betrachtet, ohne etwas zu erfinden, ohne etwas zu beschönigen, verliert sie sich zwischen den Zeilen und das große Bemühen des Autors, Tausenden eine Stimme zu verleihen, wird deutlich.

Doch muss ich sagen, dass mich Modiano nicht zu 100% überzeugen konnte, mit Doras tragischer Geschichte. Das Buch liest sich einfach – naja – so ähnlich wie alle anderen Geschichten von Modiano. Eine Aufzählung von Straßen in Paris, unscharfe Charaktere eine Geschichte aus der Zeit gerissen und eingefangen in einer wunderschönen Atmosphäre.

Versteht mich bitte nicht falsch – Modiano ist großartig und ich werde auch weiterhin seine Bücher verschlingen. Doch fehlt mir an der Geschichte von Dora Bruder einfach das gewisse Etwas. Die Geschichte wertet weder durch große Liebe oder Leidenschaft auf, wie Modiano sie in seinen Romanen „Der Horizont“ oder „Im Café der Verlorenen Jugend“ zur Schau stellt, noch kann sie durch Tragik überzeugen, wie es zum Beispiel die Geschichte des Junge im gestreiften Pyjama schafft.

Doch vielleicht ist es am Ende genau das, was diese Geschichte ausmacht und von anderen abhebt. Sie gibt der Masse eine Stimme. Dem Vergessen. Und dem atemlosen Versuch des Romanciers eine verloren Seele in den Straßen von Paris zu finden.