Das Bildnis des Dorian Gray – Oscar Wilde

Wer von uns würde sich nicht wünschen, niemals zu altern? Für immer wunderschön zu sein und mit dem Glück der Jugend gesegnet. Ist nicht das eines der größten Geschenke unseres Daseins? Die Jugend? Dieser und vielen anderen Fragen geht Oscar Wilde in seinem großartigen und einzigen Roman „Das Bildnis des Dorian Grey“ nach.

Die Geschichte beginnt in einem für Oscar Wilde sehr klassischen Schauplatz. Die Elite Englands lebt in Saus und Braus nach den großen Umschwüngen der industriellen Revolution. Dorian Gray, ein junger Mann, von so atemberaubender Schönheit, dass der Maler Basil ihn zum Zentrum seines Schaffens macht und ein Porträt anfertigt, dass die Schönheit Dorians einfängt, begleitet den Leser durch eine dunkle und abgründige Geschichte. Einer Geschichte über Moral und Liebe, Narzissmus und Grausamkeit.

Als Dorian das Bild von Basil zum ersten Mal betrachtet, wird ihm selbst erst richtig bewusst, von welchen Glück er gesegnet ist, und wünscht sich, dass er nie altern würde. Er wünschte sich, dass das Bild ein Schatten seiner selbst sein soll. Er ahnt noch nicht, was dieser Wunsch für sein Leben bedeuten wird. Im gleichen Moment macht Dorian eine verhängnisvolle Bekanntschaft: Lord Henry. Henry ist überzeugt,  das Moral und Wertvorstellungen keine Bedeutung haben und vergiftet mit diesen Ideen den Jungen Verstand von Dorian.

Dieser lernt Siby, eine junge Schauspielerin, kennen und verliebt sich unsterblich in sie. Gerade als er ihre schauspielerischen Leistungen Henry und Basil vorführen will, spielt sie grottenschlecht. Dorian gerät in rage und verlässt die junge Frau, die ihre verhängnisvolle Bekanntschaft mit Dorian nicht überleben sollte.

Schönheit kann nur durch Zerstörung und Trauer zustande kommen

…so zumindest die Meinung von Dorian Grey.

Das Porträt von Dorian veränderte sich an diesem Abend. Es wurde grausamer. Als wäre es ein Spiegel der Seele des jungen Dorian Gray. Einer Seele, die noch viele weitere Gräueltaten vollführen wird. Dorian beschließt, das Bild zu verstecken. Es macht ihm Spaß zu wissen, dass die Welt ihm nichts anhaben konnte, das Zeit für ihn nicht galt. Und so war es schließlich auch. Über Jahre stand das Bild verdeckt durch einen schweren Vorhang in einem verlassenen Zimmer in Dorians Haus. Das Bild fasziniert Dorian, macht ihm aber gleichzeitig große Angst.

Seine Eitelkeit hält ihn davon ab es zu zerstören. Sein Verstand ist vergiftet von Selbstsucht. Im Laufe der Jahre beschäftigt er sich mit vielen verschiedenen Dingen wie Edelsteinen und noblen Teppichen. Dorian will immer nur das beste von allen haben.

Das Bild von Dorian wird immer hässlicher. Seine Taten und seine Seele immer düsterer. Bis zu dem einen Tag, wo er sein Bild offenbart. Er offenbart es nicht der Öffentlichkeit. Noch zeigt er es seinem Freund Lord Henry. Dorian zeigt es dem Maler, Basil und begeht die schlimmste Tat seines Lebens.

Vom wunderschönen Sommertag in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele vermag Oscar Wilde in einem Satz zu springen. Er schafft in seinem Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“, der nebenbei bemerkt sein Einziger ist, ein Denken, das jegliche Moral ablehnt. Er stellt in grotesker Weise das Ergebnis von Eigensucht und Egoismus dar.

In den ersten hundert Seiten des Buches konnte ich mich nicht so recht mit der Geschichte anfreunden. Was vermutlich auch daran lag, dass ich mich erstmal in Oscar Wilds Welt aus Worten zurechtfinden musste. Er baut wunderschöne Szenen auf und liebt es mit Metaphern und Beschreibungen um sich zu werfen – was ich teilweise ermüdend fand.

Im weiteren Verlauf nahm die Geschichte aber an Fahrt auf und wurde grandios. Atemlos verfolgte ich den inneren Kampf Dorians, der einerseits versuchte gut zu sein, andererseits aber wusste, dass es bereits zu spät war.

47 Antworten auf „Das Bildnis des Dorian Gray – Oscar Wilde

  1. Ich finde immer faszinierend wie die Geschichte um Dorian Gray in Filmen um interpretiert wird. Ich war von der Geschichte ganz überrascht, als ich den Roman gelesen habe.

    Gefällt 2 Personen

      1. Ich empfand und empfinde ihn gar nicht als böse. Nur überragend intelligent und sehr analytisch. Aber danke für den Beitrag. Hab das Buch gleich mal wieder heraus geholt 😀

        Liken

      2. Vielleicht ist es mir nur so vorgekommen, aber meiner Meinung nach ist Henry der Grund warum Dorian so verkommt im Verlauf des Buches. Basil deutet es am Anfang an und es bewahrheitet sich genau wie Basil es sagt. Erst durch den Einfluss von Henry beginnt Dorian an die Geltung von Moral und Sitte zu zweifeln.

        Gefällt 1 Person

      3. Dorian Gray ist auch einer meiner liebsten Klassiker – und ich selber empfinde Lord Henry nicht unbedingt selber als ‚das Böse‘, sondern eher als eine Verkörperung der ganzen problematischen viktorianischen Gesellschaft, die Wilde in seinem Roman so offen kritisiert. Deshalb fand ich es umso interessanter, wie sich Dorian von Lord Henry – und damit dem viktorianischen Gesellschaftsbild – verführen lässt und seinen dunkelsten Trieben nachgibt, obwohl er weiß, dass es ihn verdirbt. Absolut tolles Buch!

        Gefällt 1 Person

  2. Immer wieder gut! Es gibt eine beeindruckende Rezitation von Klaus Kinski hierüber. Auch wenn Kinski für mich eindeutig ein Psychopath und ein Fall für das Strafgesetzbuch gewesen ist, siehe „Kindermund“, bleibt etwas von seiner Kunst zurück.

    Gefällt 1 Person

  3. Ich kann mich nur anschließen – ich habe dieses Buch geliebt!

    Ich habe euch auf meinem Blog übrigens für den Mystery Blogger Award nominiert. Ihr könnt ja mal vorbeischauen und ich würde mich freuen, eure Antworten auf meine Fragen zu lesen 🙂

    Gefällt 1 Person

  4. Ich war dreißig Jahre alt, als ich dieses faszinierende Buch zum ersten Mal gelesen habe. Es war nicht das einzige mal. Heute habe ich es wieder in der Hand, dank dieser tollen Rezension.
    Toll!
    LG Reiner

    Gefällt 1 Person

      1. Oscar Wilde, der im Übrigen selbst manchmal nach dem Hedonismuspinzip lebte, will damit sagen, dass man nur glücklich wird, wenn man auch die nicht so angenehmen Dinge erledigt, wie zum Beispiel Rechnungen bezahlen, einkaufen, saubermachen etc. Man muss also etwas tun, um seinen Zustand zu halten und zu verbessern, da man sonst sich selbst vernachlässigt, wenn man nur in Saus und Braus lebt 🙂 lg

        Gefällt 1 Person

  5. Klassiker lesen heißt auch immer sich auf eine stilistische Zeitreise einzulassen. Das muss ich mir aber auch immer selbst ins Gedächtnis rufen, wenn ich mal ein älteres Buch zur Hand nehme. Zeitgenössische Maßstäbe, bzw. das was ich im Studium über Plot, Dialoge und Stil gelernt habe, sind hinfällig. Es sei denn ich lese Shakespeare – der Mann hätte, in die heutige Zeit versetzt, auch gut an einer mexikanischen Telenovela mitschreiben können 😉

    LG & ein lesereiches Restwochenende,
    Kaat 🙂

    Gefällt 1 Person

      1. Mache ich viel viel zu selten. Im Grunde ist es Bequemlichkeit; ich will mich bei meiner Lektüre nicht zu sehr anstrengen müssen. Aber so trete ich was meinen literarischen Horizont angeht auch irgendwie auf der Stelle.

        Gefällt 1 Person

  6. Das Bildnis des Dorian Gray gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern seit meinem 13. Lebensjahr. Da ich immer selbst viel gezeichnet habe und auch schon in jungen Jahren mit Kunst in Berührung kam (wir hatte eine kleine Galerie im Haus in der ich immer rumhing) fand ich zunächst die Kunstaspekte sehr interessant. Besonders das Vorwort begeistert mich jedesmal, denn auch das war immer meine Auffassung: Alle Kunst ist gänzlich nutzlos.
    Ich lese dieses Buch jedes Jahr und jedes Jahr finde ich eine neue interessante Aspekte. Die interessanteste Figur ist mMn Sir Henry Wotton. Er erscheint mir als jemand, der die Welt auch mit den „schlechten“ und „moralisch verwerflichen“ Dingen sieht. Und statt sie zu verurteilen, das ganze akzeptiert. Besonders mag ich, dass Henrys im ersten Moment sehr zynisch und weltverdrossenen Wort kaum an Relevanz verloren haben. Im ersten kapitel (was einer meiner liebsten ist) sagt er: „Aber der Wert eines Gedankens hat nicht das Geringste mit der Ehrlichkeit dessen, der ihn ausspricht, zu schaffen“. Dieser argumentativer Fehler wird nach wie vor gemacht. (Vorallem bei den SJW beliebt…)… Hach. Es gibt tausend wundervolle Zitate aus diesem Buch.

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo,
      ja da hast du recht – das Buch ist voller Guter Stellen. Der Satz „Alle Kunst ist gänzlich nutzlos.“ hat mich am Anfang auch sehr überrascht und zum lachen gebracht – weil doch ein Roman auch zur Kunst (im weiteren Sinne) gehört.

      Ich finde Henry akzeptiert diese schlechten Dinge in der Welt nicht nur, er will sie sogar fördern. 😉

      LG,
      David

      Liken

      1. Ich glaube nicht dass er das konkret will. Er liebt es zu schockieren und spricht daher die Dinge aus die man „so nicht sagen darf“. Er hält sich ja selbst dennoch an die gesellschaftlich üblichen Konventionen auch wenn er sie gelegentlich ein wenig dehnt. Aber er bricht sie nicht. Als Henry auf Dorian später wieder trifft ist dieser selbst überrascht das seine Worte so tief gefruchtet haben (was mehr über die Naivität, Impulsivität und das mangelnde Selbstreflektionsvermögen Dorians spricht als über eine bösartige Intuition Henrys). Natürlich fand er das psychologisch interessant. Ich lese es grade wieder allerdings bin ich erst im dritten Kapitel 😀 Daher kann ich keine Zitate nennen (ich lese auch immer wieder verschiedene Versionen).

        Ich glaube nicht dass er Dorian zu dem fiesen Menschen machen wollte zu dem er letztendlich wurde. Ich habe es immer so aufgefasst dass er Dorian nur verleiten wollte das Leben zu genießen und Dinge zu akzeptieren die gegeben sind. Ich denke nicht dass Henry an einem gesellschaftlichem Wandel gelegen ist. Wenn es aber einen gäbe, dann wäre es ihm vermutlich egal.

        Gefällt 1 Person

      2. Das kann natürlich auch sein. Ich bin mir, wie gesagt, nicht ganz sicher, wem man am Ende eigentlich die Schuld für Dorians Sinneswandel geben kann. 😉

        Deine Argumentation kann mich jedoch überzeugen. Danke für die interessante Meinung.

        Gefällt 1 Person

  7. Schuld ist vielleicht auch einfach nicht das richtige Wort 😀 Dinge entwickeln sich. Zu jeder Zeit hätte sich Dorian anders entscheiden können. Er hat sich ja aber nicht zwangsläufig durch die Worte Henrys verleiten lassen sondern, als ihm auffiel, dass das Bild die Konsequenzen trägt. Hier wären wir auch schon beim nächsten großartigen Aspekt: der Konflikt zwischen innerer und äußerer Schönheit und wie diese uns beeinflusst. Auch das ist heute nach wie vor Bestandteil psychologischer Forschung. So werden „schöne Menschen“ bis zu 15% besser bezahlt bei gleicher Qualifikation etc… Nebenbei: Das schöne Menschen besser dran sind liegt nicht nur daran dass sie schön sind sondern damit gehen in aller Regel ja noch andere Attribute wie größeres Selbstvertrauen einher.

    Es ist erfrischend dass eine Argumentation angenommen wird 😀 Heutzutage wird eine entgegengesetzte Meinung oft als persönlicher Angriff verstanden. Vielen Dank dafür 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Hmm – aber ich finde halt einfach das Dorian jung ist – und die Jugend ist neunmal … naja dumm und leicht zu beeinflussen. Und Henry ist das bewusst. 😉

      Ist doch logisch 🙂

      Liken

      1. Natürlich ist er jung aber nun wohl kaum ein Kind mehr, zumindest nicht nach meinem Verständnis. Ich meine er wird als Anfang/Mitte zwanzig beschrieben, sicher bin ich mir jedoch nicht. Im mindesten alt genug um einen eigenen Haushalt zu führen und Personal zu haben. Besonders im ersten Kapitel wird als besonders kindlich beschrieben und er verhält sich auch ein bisschen wie ein verzogenes, reiches Balg. Aber es hätte ihn erschrecken sollen dass und wie er sich verändert. Er sieht sich sein Bild immer wieder mal an und betrachtet die Veränderung. Ich persönlich halte den Menschen grundsätzlich für eigenverantwortlich. Angeblich kann man Menschen nicht mal unter Hypnose zu Dingen zwingen die sie absolut ablehnen, und wenn man davon ausgeht das Hypnose wirklich funktioniert (ich persönlich habe daran Zweifel) ist also selbst unter der größten Einflussnahme nicht möglich Leute derartig gegen ihren Willen zu manipulieren. Was mir zeigt, in Dorian selbst steckte schon immer etwas boshaftes das Henry vllt ein wenig herausgekitztelt hat, aber nicht in ihm erschaffen. Als Basil das erste Mal von ihm sprach, erwähnt er: „Dann und wann ist er allerdings gräulich rücksichtslos und scheint große Freude daran zu finden, mich zu kränken. Dann, Henry, habe ich das Gefühl, dass ich meine Seele jemanden ausgeliefert habe, der sie behandelt wie eine Blume, die man ins Knopfloch steckt, ein Schmuckstück, mit dem man seine Eitelkeit befriedigt.“ Das würde zumindest dafür sprechen. Wie ich in einem vorherigem Kommentar schon beschrieb ist er zunächst unglaublich naiv und impulsiv ebenso mangelt es ihm an Selbstreflektion. Aber das bleibt ja nicht so. Er gehört ebenfalls zu oberen Schicht was auch eine gewisse Bildung voraussetzt, er ist ja nicht grundsätzlich dumm was ihn kognitiv eigentlich zur Reflektion befähigen sollte. Tut er aber nicht weil, musste er nie. Aber als sich das Bild verändert weiß er ziemlich genau warum es das tut. Und grade das elfte Kapitel zeigt wie sehr er sich ändert und wie ihm bewusst wird welche Wirkung er auch auf andere hat. Hier ist er in der Lage das eigene handeln zu hinterfragen und hin und wieder tut er es auch aber es ist ihm schlicht weg egal… Und das wurde bereits im ersten Kapitel erwähnt. Im übrigen habe ich beim durchblättern noch eine Passage gefunden die zeigt das Henry sich anpasst und gerne angepasst ist: Er redet über seine Ehe und wie er und seine Frau sich gegenseitig Belügen und das er viel schlechter darin ist, er verstricke sich in Widersprüche „Wenn sie mich aber dabei ertappt, macht sie mir nie eine Szene. Manchmal wünschte ich. sie täte es – aber sie lacht mich nur aus“.

        Gefällt 1 Person

      2. Der gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Der Mensch ist ein Eigenverantwortliches Wesen – eindeutig. Darauf fußt unter anderem das gesamte deutsche Privatrecht.
        Eine gewisse Bosheit muss in Dorian also schon gesteckt haben – zumindest nach deiner These, die sehr nachvollziehbar ist. Ne frage ich mich dann, wo diese Bosheit ihre Begründung findet – oder Stößt Henry die Entwicklung des schlechten in Dorian an? Denn irgendwoher muss es ja auch kommen. Andererseits könnte man aber auch den Maler Basil teilweise verantwortlich machen. Durch seine übermäßige Bewunderung weckt er eine Eitelkeit in Dorian, die zusammen mit der ablegenden Haltung gegenüber einer Moral von Henry eine explosive Mischung darstellt.
        Vielleicht ist dir aufgefallen, dass es mir schwer fällt, Dorian die Schuld an den Ursprüngen seiner Bosheit zuzuschreiben – denn wie Wilde schreibt ist die Jugend rein und das größte Geschenk.

        Liken

  8. Ja das bemerke ich 😀 Woher das Böse im Menschen kommt werden wir niemals ehrlich beantworten können: das versuchen Philosophen und Religionen weit länger als wir beide 😉 Ich sehe viel von mir in Henry (vermutlich ist er mir deshalb auch vergleichsweise sympathisch, nur lasse ich möglichst die Finger aus dem leben anderer, immerhin erwarte ich selbiges :D) und halte es auch hier wie er: Spielt es am Ende wirklich eine Rolle warum „Böses“ da ist? Unabhängig davon ob warum es existiert müssen wir damit klar kommen. Bei Menschen würde ich (von den Psychopathen abgesehen) vom Bosheitsbegriff absehen. Ich denke, kein vernünftiger Mensch steht morgen auf und sagt sich: Guter Tag zum arschig sein. Ich würde behaupten ich selbst bin kein boshafter Mensch, aber sicherlich gibt es ein zwei, die das anders sehen. Das sind ja alles furchtbar subjektive Begriffe. Richtige Boshaftigkeit habe ich jedoch schon erlebt. Ich habe eine Weile in einem Hort für Schwererziehbare Kids gearbeitet. Und, doch, da waren einige wirklich boshaft sadistische Bratzen dabei. man schiebt sowas gerne auf das Umfeld und es stimmt auch, wir werden von unserem Umfeld viel mehr geprägt als von unserer genetischen Ausstattung, aber bei einigen Kindern könnte ich das so nicht sagen. Die Eltern waren wirklich verzweifelt, da gab es ein Haufen Sozialarbeiter. Vergleichsweise objektiv betrachtet gab es keinen Grund für diese Kinder so bösartig sein. Und mit bösartig meine ich, ein Viertklässler hat einen zweitklässler fast zu Tode stranguliert weil der Zweitklässler an jemand anderen abgespielt hat (Fußball). Als ich den Viertklässler zu fassen bekam hat er nur Schultern gezuckt. Ich glaube schon dass er das Ausmaß seiner tat begriffen hat, es war ihm nur wirklich vollkommen egal. Er meinte ganz trocken zu mir: Du kannst mir eh nix. Ganz unbeschrieben sind also auch Kinder nicht.

    Da hast du Recht, für Wilde ist Jugend rein und das größte Geschenk und zu dem kann man stehen wie man mag, aber in dem Buch geht es (meines empfindens nach) nicht darum wie wundervoll Jugend ist, sondern darum wie verkommen wir würden wenn wir keine Konsequenzen fürchten müssten. Jugend und Reinheit sehe ich persönlich hier nur als Motiv um die Gegensätzlichkeit zu untermauern. Schönheit ist nichts was bleibt. Sie kann verderben, so wie eine Blume welkt wenn sie gepflückt wird.

    Lies vielleicht nochmal die Gespräche mit Henry. Er erklärt Dorian nur eine Idee, nämlich dass wenn Menschen aufhören würden sich zu verstellen, statt sich in geistige Korsetts zu quetschen, sie selbst glücklich werden könnten und wir in einer wunderbaren gesellschaft leben könnten, frei von allen Zwängen und jeder für sich entfaltet. Und das ist auch das was worin sich fast alle Psychologen einig sind (das hat auch schon Freud dargelegt), dass innere Spannungen durch Wunsch/Trieb und äußeres Ideal zustande herkommen. Hier könnte man „Triebtäter“ als Beispiel vorlegen (auch weil das Wort Trieb da so schön drin steckt). Ich weiß nicht ob ihr euch im Jura Studium (schon) damit auseinandersetzt, aber viele Sexualstraftaten sind psychologisch betrachtet genau das. Unerfüllte Wünsche die man sich nicht einfach so erfüllen kann werden so erdrückend das man kaum noch anders kann bis dieser Wunsch die Oberhand gewinnt. (wie gesagt die wirklich Kranken typen die das aus Jux und Freude machen mal ausgenommen). Das ist nun natürlich ein ziemlich krasses Beispiel aber das gibts auch bei „normalen“. Wenn man auf Diät ist und sich das Stück Schokolade immer wieder verbietet obwohl man so unbedingt eins will endet man meistens unter der Decke mit der ganzen Tafel. Und hinterher fühlt man sich schlecht.
    Das erklärt Henry Dorian deutlich eloquenter und dann schreibt Wild aber folgendes: „Er war sich dumpf bewusst, dass ganz neue Einflüsse in ihm arbeiteten. Und doch schien es, als kämen sie in Wirklichkeit aus seinem eigenen Inneren. Die wenigen Sätze, die Basils Freund zu ihm gesprochen hatte – ohne Zweifel zufällig hingeworfene Worte voll eigenwilliger Paradoxie – hatten eine geheime Saite seiner Seele berührt, die vorher nie getönt hatte, die er aber nun zittern, in seltsamen Schwingungen schwingen fühlte.“ Ich finde das ist ein ziemlich eindeutiger Hinweis darauf, das Dorian von Anfang an innerlich nicht so schön und rein ist, wie äußerlich. Und im Gegensatz zu Basil, verurteilt Henry das ganze nicht. Ich würde sogar fast behaupten dass er zwischenzeitlich ein wenig neidisch ist, weil er in Dorian genau sein ideal, das ablegen aller Zwänge, sehen kann.

    Ob Dorian vorher schon eitel war wird leider nicht näher erläutert. Basil ist unheimlich in Dorian verknallt (eine Liebe die zu dieser Zeit unmöglich war), die er ihm gegenüber aber durchblicken ließ und Dorian nutzte diese Verletzbarkeit gegenüber Basil auch aus. Nun wäre die Frage, wenn in Basil auch ein unerfüllter sehr starker Wunsch ist und Liebe ist ein so einnehmendes Gefühl dass wir dafür auch Straftaten begehen, warum verdirbt nicht er? Weil er seinem Wunsch ein Ventil geben kann: Seine Kunst. Letzten Endes will er ja genau deswegen auch das Bild nicht ausstellen lassen, „es ist zu viel von mir selbst darin“ sagt er und erläutert dann was Dorian in ihm auslöst.

    Long Story Short: Jeder von uns hat bestimmte Chraktermerkmale. Welche Seite wir hervorbringen, hängt einerseits von unserer Umgebung hat die uns unsere Persönlichkeit entwickeln lassen und davon wie wir uns Eigenverantwortlich verhalten. Falls du Skyrim kennst: „What is better? To be born good or to overcome your evil nature with great effort?“ – Paarthurnax.

    Gefällt 1 Person

    1. Es könnte an der Uhrzeit liegen (ja, ich gehe für Studentenverhältnisse früh ins Bett ;)) aber nach allem was ich da gerade gelesen habe fällt mir nur eine Sache ein: Dem gibt es nun wirklich nichts mehr hinzuzufügen.

      Deine Analyse ist sehr präzise und trifft, meiner Meinung nach, genau ins Schwarze. Es ist erstaunlich wie tief dieses Buch geht und wie aktuell (zeitlos) seine Thematik ist.

      Liken

      1. Vielen Dank 🙂 Die thematische Zeitlosigkeit ist einer der Gründe warum ich es immer wieder lese. Und Als deutlich ältere Studentin zwischen all den jungen Hüpfern kann ich Henry noch ein bisschen besser verstehen 😀

        Gefällt 1 Person

  9. ich hab dorian gray auch gelesen. und ich kann nicht begründen warum ich ihn gut fand… aber er war phantastisch!! wenn ich noch lieber mal kennen gelernt hätte wär oscar wild. von ihm stammt das phänomenale zitat: sei du selbst… jede andere rolle ist schon vergeben. das würde ich so manchen Zeitgenossen gerne zurufen. nicht weil ich sie ärgern will, sondern weil ich sie gerne kennen lernen würde… nicht xy in ihnen. danke für euch, auch wenn ihr für studentenverhältnisse früh ins bett geht… 🙂 vlt gerade deshalb. go for it!

    Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.