An einem eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts – Robert Schimmelpfennig

Kälte. Graue Straßenzüge und zugeschneite Dörfer. Robert Schimmelpfennigs Roman mit dem etwas sperrigen Titel zeichnet ein düsteres Bild des 21. Jahrhunderts. Ob der erste Roman des Dramatikers überzeugen kann und warum er, trotz dass er wenig Begeisterung bei den Kritikern auslöste auf der Shortlist des Leipziger Buchpreises gelandet ist, möchte ich euch heute vorstellen.

Die Geschichte beginnt, wie der Titel schon vermuten lässt, an einem eiskalten Wintermorgen, auf einer Autobahn in der Nähe von Berlin. Im Blaulicht der Rettungswagen taucht kurz ein Wolf auf, der aber sofort wieder im Dickicht der umliegenden Wälder verschwindet. Der Wolf stellt im Verlauf der Geschichte das Bindeglied der Protaginsten dar. Der Roman hat mehrere Handlungsstränge, wobei Schimmelpfennig geschickt von verschiedene Schicksalen erzählt, ohne dabei näher auf den Hintergrund der einzelnen Protaginsten einzugehen. Dafür würde der Roman keinen Platz bieten. Eine der Geschichte handelt beispielsweise von einer Frau, die ihre Tagebücher verbrennt, eine Andere von einem Polnischen Bauarbeiter, der seine Liebe verliert.

An einem eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts – zerrissen in der Presse.

Wenn Schimmelpfennig eine Sache mit seinem Roman geschafft hat, dann ist es Aufmerksamkeit zu erregen. In der Presse gibt es eine weite Ablehnung gegen den Roman, die ich nur teilweise nachvollziehen kann. Die Stimmung wird als zu Düster, die Geschichten als zu konstruiert beschrieben. Schimmelpfennig malt schwarz-weis mit seinem Roman, so der Vorwurf, entweder die Menschen sind böse, oder sie sind… naja… traurig.

Ich persönlich finde den Roman grundsätzlich gelungen. Das 21. Jahrhundert ist eine kalte Zeit, so wie jede andere Epoche in der Menschheitsgeschichte. Wer im Winter kein Obdach hat, muss draußen schlafen. Leider ist es nach wie vor in vielen Fällen so. Diese Kälte zwischen den Menschen, die Härte des Lebens und das Grau unserer Großstädte stellt Schimmelpfennig einzigartig dar. Seine Sprache ist kurz und hart. Passend zum Roman und passend zu unserer Zeit. Immer schneller muss alles gehen, immer minimalistischer muss alles sein. Warum dann noch an einer blumigen, poetischen Sprache festhalten? Liegt nicht im kalten Minimalismus Schimmelpfennigs Poesie?

Ich erlaube mir, nach all dem Lob, noch eine abschließende Bemerkung zu den Charakteren in seinem Roman. Hier muss ich der Kritik leider Rechtgeben. Es fehlt die Tiefe. Die Handlungen sind leider teilweise klischeehaft und voraussehbar. Hier könnte man natürlich Argumentieren, dass Schimmelpfennig ein Theaterschriftsteller ist und das genau diesen Charakter auch sein Buch hat. Aber das konnte mich leider nicht voll Überzeugen.

Insgesamt ist Schimmelpfennigs Roman ein sehr empfehlenswertes Buch. Eben genau, weil es so stark in der Presse kritisiert wurde und es trotzdem auf die Shortlist des Leipziger Buchpreises gelandet ist.

4 Antworten auf „An einem eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts – Robert Schimmelpfennig

  1. Das hört sich ja interessant an! Ich finde auch, die Tatsache, dass ein Buch große Wogen in der Literaturwelt schlägt, ist alleine schon oft ein Grund, sich einmal damit zu beschäftigen. Selbst wenn das Ergebnis oder Urteil dann negativ ausfällt, bedeutet dies trotzdem auch, dass man eine neue Vergleichsmöglichkeit für andere Bücher und eine bessere Einschränkung der Kriterien eines guten Buchs erlangt hat:-)

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