Deutschstunde – Siegfried Lenz

Ein beeindruckendes Buch. Einfach Umwerfend. Lenz beweist mit diesem Roman, dass er der Meister der deutschen Sprache ist, und wirft alle Konkurrenten um Meilen zurück. Mit unglaublichen Geschick porträtiert er die großen gesellschaftlichen Umschwünge in Deutschland. Wie das Denken der kleinen Menschen, im 20. Jahrhundert immer wieder über den Haufen geworfen wurde, und welchen Dienst die Kunst unserer Gesellschaft erwiesen hat und immer noch erweist.

Werbeanzeigen

Die Geschichte beginnt in einem Internat für schwererziehbare Jugendliche. Siggi Jepsen, der Protagonist, hat die Aufgabe einen Aufsatz über das Thema „Die Freuden der Pflicht“ zu schreiben. Er nimmt diese Aufgabe übermäßig ernst, wird in eine einsame Zelle gesteckt und beginnt dort die Erinnerungen an seine Kindheit und frühe Jugend aufzuschreiben, welche den Roman darstellen.

Die Geschichte beginnt als sich Siggi Jepsens Vater, Jens Ole Jepsen, der Dorfpolizist von Rugbüll, ein Malverbot der Nationalsozialisten gegen den Künstler Max Ludwig Nansen durchsetzt. Auch wenn der Maler einst einer seiner Besten Freunde war und ihn einmal sogar das Leben gerettet hat. Jens Ole Jepsen ist der Meinung er müsse seine Pflicht um jeden Preis ausführen.

Der Maler ist ein sehr eigenwilliger Charakter, der sich nicht an die Anweisungen der Nationalsozialisten hält und die Meinung vertritt, das richtige Handeln könne aus der individuellen Moral des einzelnen entstehen; welche die Nationalsozialsten gnadenlos untergraben. Auch nach mehrmaligen ermahnen durch Jens Ole Jepsen gibt der Maler sein Handwerk nicht auf, sieht es sogar als seine Berufung, während der Dorfpolizist immer tiefe in den Ideologien des Nationalsozialismus versinkt.

Die Hauptperson, Siggi Jepsens, geriet schon bald im Konflikt zwischen die Fronten, entscheid sich aber, gegen die Anweisungen seines Vaters, den Maler zu unterstützen und versteckte seine Bilder sogar in einer alten Mühle.

Der ältere Bruder Von Siggi, Klaas, desertierte nach einer Selbstverstümmelung und wollte sich Nachhause flüchten, wo ihn die Eltern aber nicht mehr akzeptierten. Siggi half auch seinem älteren Bruder, der, nachdem er eine Zeit beim Maler untergekommen war, nach Hamburg zog.

Auch wenn der Krieg schon vorbei war und die Nationalsozialisten verloren hatten wollte Jens Ole Jepsen, der Dorfpolizist, nicht aufgeben. Zusammen mit den anderen Männern des Dorfes und dem Maler bezog er auf der Straße Stellung um das Reich zu verteidigen. Schließlich kehrten im aber alle den Rücken.

Die Nationalsozialsten hatten verloren, das Malverbot war aufgehoben. Doch nicht für Jens Ole Jepsen. Er verfolgte den Maler weiter, steckte seine Bilder und die alte Mühle in Brand, so lange, bis Siggi Jepsen glaubte auch in den anderen Bildern des Malers ein Feuer zu sehen. Er Stahl sie darauf hin aus einer Ausstellung, wurde überführt und als Kunstdieb eingesperrt.

Schließlich schreibt ein Psychologe seine Diplomarbeit über Siggi, unter dem Titel: „Kunst und Kriminalität, dargestellt am Fall des Siggi J.“

Mit der „Deutschstunde“ beweist Sigfried Lenz, mit unglaublicher Wortgewalt, das er der meister der deutschen Sprache ist.

Seine Charakter sind so komplex konstruiert wie es in kaum in einem anderen Roman zu finden ist. Interessant ist auch die Wahl der Perspektive: Das Buch ist aus der Sicht Siggi Jepsens geschrieben, der über zurückliegende Vorgänge nachdenkt und dabei Zeuge, Täter und Opfer gleichzeitig darstellt.

Mit diesem Buch setzt Lenz ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, seinen eigenen Verstand zu benutzen und sich nicht von Autorität untergraben zu lassen. Aber auch die Unfreiheit des Menschen welcher ständig seinen inneren Trieben folgt wird galant dargestellt.

12 Antworten auf „Deutschstunde – Siegfried Lenz

  1. 1968/69, nachdem die „Deutschstunde“ zum Bestseller geworden war, kam Lenz auf der Lesereise auch nach Mönchengladbach, wo ich Herausgeber der Schülerzeitschrift des Odenkirchener Gymnasiums war. Ich ging nach der Lesung mit Tonbandgerät bewaffnet auf ihn zu und fragte, ob ich ein Interview mit ihm machen könnte. Er nahm mich mit in die Wohnung der Buchhändler und wir sprachen wohl eine Viertelstunde miteinander. Das heisst, er sprach. Leider erschien mir das hinterher zu zeitraubend, alles abzutippen, was er auf Band gesagt hatte. So ist das Interview leider nie erschienen. Tut mir heute noch leid, obwohl er eigentlich nichts sensationelles gesagt hatte. War ja eher so ein ruhiger Typ, immer mit seiner Pfeife.

    Gefällt 2 Personen

    1. Wow. Ein Treffen mit Lenz. Das ist sehr beeindruckend. Ich stell ihn mir genau so vor, wie du ihn beschreibst: ruhig und mit Pfeife. Ich glaube, er verkörpert seine Bücher ziemlich gut. Auf jeden Fall, ist das eine tolle Geschichte. Danke fürs vorbeischauen und Teilen. Ich wünsche dir einen schönen Abend 🙂

      Liken

  2. Hallo
    Wollte Euch nur ganz kurz den Tipp geben, wenn Ihr Lenz mögt, unbedingt die Kurzgeschichten von ihm zu lesen!
    Ganz liebe Grüße und viel Spass beim Lesen weiterhin
    Nina

    Gefällt 1 Person

      1. fein fein
        ach
        *So zärtlich war Suleyken* inspiriert von seiner Heimat ist übrigens ein Muss wenn man Lenz mag und mal etwas leichtere Kost möchte
        Grüsse zurück
        Nina

        Liken

  3. Die Deutschstunde war eines meiner Lieblingsbücher vor vielen Jahren. Schätze, ich war damals ähnlich alt, wie Ihr heute. Sie war Beginn einer Liebe zu vielen Lenz-Büchern. Aber auch zur Malerei, insbesondere der von Emil Nolde. Schön, wenn es auch heute noch seine Wirkung hat.
    Toller Blog! Ich freu mich auf mehr von Euch. Kirsten/monatsweise

    Gefällt 1 Person

  4. Dieses Buch war im Jahre 1980 oder so die Pflichtlektüre in unserem Deutschunterricht. Am bemerkenswertesten für mich dabei ist, dass mein Vater von dem Buch so begeistert war, dass er alle Bücher von Lenz gelesen hat, die es damals von ihm gab und die dann noch herausgekommen sind. Ähnlich ist es ihm dann mit den Autoren Jakob Wassermann „Caspar Hauser“ und August Strindberg „Das rote Zimmer“ gegangen. Von diesen spricht er heute immer noch gerne.

    Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.